Hans Münch

Am 15. August 2016 wurde ich 5 Jahre alt.  

Als ich geboren wurde, war es eine sehr schwere Risikogeburt.
Man wusste nicht, ob ich das überleben werde.

Aus dem Tagebuch meiner Frau Charlotte:

„Ich erstarre schon wieder vor Entsetzen – Deine Augen sind tiefblau.

Genauso sahen die Augen meiner Großmutter kurz vor ihrem Tod aus.
Das gleiche tiefe Blau, wie auch die Augen von frisch geborenen Babys aussehen.

Der Kreislauf des Lebens??“

Meine Möglichkeit zu sterben war größer als zu leben.
Ich konnte nicht mal alleine atmen.

„Als der Arzt draußen ist, kommt eine Schwester – ich soll nun auch gehen.
Ich sage, ja, gleich. Als sie weg ist, lege ich meine Hände auf Deine Brust und drücke ein bisschen, damit Du sie spürst. Und ich sage Dir:
„Das sind meine Hände – atme unter meine Hände – atme unter meine Hände – ich weiß, dass Du mich verstehst – hier sind meine Hände und die bleiben bei Dir – atme immer unter meine Hände, ein...aus...ein...aus...“

„Abends kann ich vor Angst nicht schlafen. Ich gehe zu unserem Hochzeitsbild, das im Schlafzimmer hängt.
Ich lege meine Hände um Dein Gesicht und sage laut:

„Du atmest unter meine Hände ... ein ... aus ... ein... aus ...“ und ich atme im gleichen Rhythmus, wie es auf dem Gerät angezeigt war.
Das mache ich stundenlang und die halbe Nacht.“

Ganz langsam habe ich bemerkt, dass ich überhaupt nichts mehr kann.

„Ich sage: „Hör zu, ich kann mir vorstellen, was in dir vorgeht – du liegst hier,

vollkommen hilflos.
Du hast keine Ahnung, was passiert ist und weswegen Du Dich nicht bewegen kannst.
Du bist voller Ängste und kannst nichts sagen.
Du schämst Dich für Deinen Zustand und außerdem wirst Du ständig beschämt, weil Deine Intimität weg ist. Ist das nicht so?“

Du nickst ein wenig, siehst mich aber immer noch nicht an.

Ich sage:
„Bitte sieh mir in die Augen, damit Du weißt, dass ich Dir die Wahrheit sage.
Bitte sieh mich an!“

Du machst tatsächlich etwas die Augen auf und siehst mich misstrauisch an.

Ich sage: „Hör zu, hör mir gut zu – ich WEISS, dass Du wieder gesund wirst und alles wieder gut wird. Hörst Du?
Ich sage Dir das nicht, nur um Dich zu beruhigen.
Verstehst Du mich? Ich bin nicht zuversichtlich – ich bin nicht optimistisch –
ich WEISS, dass ALLES wieder gut wird.
Ich weiß nicht, woher ich das weiß, aber ich weiß es. Hörst Du mich?“

Danke, danke, Charly, dass du mir so viel geholfen hast.
 
Ein halbes Jahr vor meinen 5. Geburtstag habe ich erkannt, dass es mir gut geht, sehr gut.

Ich bin dankbar dafür.

Ich glaube, dass es wichtig für mich war, dass sich mein Leben komplett verändert.
Ich habe nicht nur die Chance, neu zu leben, sondern einen neuen SINN zu finden.
Den neuen Sinn zu erkennen - anzunehmen - zu sehen, dass es auch eine neue Aufgabe ist.

Zum Beispiel:

Ich habe die Aufgabe, anderen Menschen helfen, nach einen neuen Sinn zu suchen.

(Ich kann keinen Sinn für andere finden, nur ihnen helfen, danach zu suchen.)

Weitere Aufgaben:

Mut zu einem neuen Anfang zu haben,
Frieden zu erlangen,
das Gefühl haben, frei zu sein,
Kultur unterstützen,
mehr Freude haben,
mehr Warmherzigkeit entwickeln,
negatives Verhalten schwächen und positives Verhalten stärken,
gegenseitiges Vertrauen, Respekt, Liebe und Mitgefühl.

Ich wage mein neues Leben jetzt!

Am 15. August 2016 hatte ich meinen 5. Geburtstag!

 

Hans Münch
(oder besser Hans im Glück?)